Bernhard ist Informatiker und Experte an der Schnittstelle von Recht und Informatik. Er ist spezialisiert auf die Analyse juristischer Dokumente mit Hilfe von Algorithmen (Künstliche Intelligenz). Nachdem er 2017 als Research Fellow am CodeX an der Stanford University war, gehörte er 2018 zu den Mitgründern des Liquid Legal Institutes e. V., das sich auf die praktischen Herausforderungen von Legal Tech und die digitale Transformation des Rechtsgeschäfts konzentriert. Er leitet Projekte und treibt Innovationen auf dem Gebiet neuer Methoden für die (Rechts-)Industrie voran.

 

Bereits in Ihrer ersten Masterarbeit haben Sie sich mit dem Thema der Interdisziplinarität befasst. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse in diesem Bereich?

Neben Informatik habe ich Philosophie mit dem Schwerpunkt Wissenschafts- und Technikphilosophie studiert und habe in beiden Studien zwei Masterarbeiten abgegeben. In der einen Arbeit habe ich mich mit dem Thema Modellierung komplexer Systeme und in der anderen Arbeit mit Thema Compliance von IT-Systemen auseinandergesetzt. Bei beiden Themen ist ein interdisziplinärer Einschlag erkennbar, weil ich bereits im Bachelor Studium gemerkt habe, dass mir das Interdisziplinäre total Spaß macht! Ich habe mich schon sehr früh für Informatik interessiert, aber mir war auch immer klar, dass ich nicht nur etwas machen will, das sich auf den Kern der Informatik bezieht, sondern etwas, das mit einer anderen Disziplin anschlussfähig ist. Ich bin der Auffassung, dass das volle Potential der Informatik nur dann zur Geltung kommt, wenn sie mit ihren Methoden und Innovationen für eine andere Disziplin etwas Gutes tut. Sei es in der Wirtschaftsinformatik, der Medizin oder im Bereich Health Care. Und ich habe für mich eben relativ schnell die Rechtsinformatik entdeckt. So entstand bei mir dann einerseits die Leidenschaft für geisteswissenschaftliche und rechtswissenschaftliche Themen, andererseits für die Themen Informatik, Datenanalyse oder auch künstliche Intelligenz. Für mich schließt sich der Kreis immer dann, wenn es in der Informatik darum geht, ein realweltliches Problem für eine Person oder eine Firma zu lösen. Das treibt mich an.

Wie kamen Sie von den Geisteswissenschaften zum Bereich Legal?

Für mich war Recht nie eine Alternative zu Informatik, mir war immer klar, dass ich Informatiker bleiben möchte. Legal hat sich eigentlich eher zufällig aus der Geisteswissenschaft heraus ergeben, weil Recht einfach ein wunderbares Anwendungsfeld ist. So richtig erschlossen hat es sich für mich mit meiner Masterarbeit im Bereich Informatik, als ich mich mit Compliance Themen beschäftigt habe. Mit Sicherheit und Risikomanagement von IT-Systemen vor dem Hintergrund Kapitalmarktrecht und dann kam das eine zum anderen. Während der Masterarbeit habe ich dann auch gesehen wie groß das Potential ist, das man aus den informatischen Prinzipien auf die Rechtswissenschaft übertragen kann. So kam ich dazu und dabei bin ich auch geblieben.

Was sind aus Ihrer Perspektive als Informatiker Erfahrungen, wenn es um Legal Tech in der Forschung und Didaktik geht?

Das Forschungsprojekt war ja damals eine Forschungskooperation zwischen der TU München, repräsentiert durch Prof. Dr. Florian Matthes, und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der LMU, repräsentiert durch Prof. Dr. Grigoleit. In dieser Hinsicht gibt es verschiedene Arbeitsbereiche. Einer davon ist der Bereich Ausbildung, in dessen Rahmen zum Beispiel das Seminar Synergien zwischen Rechtsmethodik und Software-Engineering angeboten wird. Ich halte die Ausbildung an der Schnittstelle für extrem wichtig, weil einfach oft auch schon ein gemeinsames Vokabular und ein gemeinsames Verständnis dafür fehlt, dass sich diese beiden Disziplinen wirklich auf Augenhöhe begegnen können. Was ich festgestellt habe ist, dass es einfacher ist, Informatiker für Legal Tech zu begeistern als Juristen. Damit meine ich konkret, dass es wesentlich schwieriger ist, Juristen dafür zu begeistern ein Stück Software zu schreiben oder sich einfach mal genauer mit programmieren auseinanderzusetzen. In dem Seminar ist diese Verschmelzung gut geglückt, weil man beide Welten gleichermaßen repräsentiert und sich wirklich Zeit genommen hat, über Methoden zu reflektieren und sich die beiden Welten vorzustellen.  Deshalb glaube ich, dass das Lexalyze als akademische Initiative unglaublich wertvoll ist – es fördert einen Austausch, der in München bisher in dieser Form nicht stattfand.

Ich glaube, dass nicht jeder Jurist unbedingt programmieren können muss. Ich glaube aber auch nicht, dass es ein Schaden ist, wenn ein Jurist mal einen Programmcode geschrieben hat, der auch tatsächlich läuft. Meiner Meinung nach kann das Verständnis der Denksysteme von Informatikern aber auch bei juristischen Problemen helfen. Als Tipp kann ich jedem Juristen der Tech-begeistert ist nur empfehlen mal ein Tutorial nach zu programmieren, bei dem man eine Datenbank befüllt, die Daten dann abruft, verarbeitet und dann die Ergebnisse in einer Webapplikation darstellt. Hierdurch kann man ein gewisses Grundverständnis für das System entwickeln.

Neben Lexalyze haben Sie ja auch das Liquid Legal Institute mitgegründet. Was macht das Liquid Legal Institute?

Das Liquid Legal Institute (LLI) reiht sich zeitlich nach dem Lexalyze Projekt ein. Das habe ich 2017 mitgegründet, als schon absehbar war, dass ich aus der TU München ausscheiden werde. Ich war zu diesem Zeitpunkt am Ende meiner Promotion angelangt und habe dann wie auch viele andere Praktiker, zum Beispiel Kai Jacob, Dierk Schindler oder Astrid Kohlmeier gemerkt, dass aus praktischer Perspektive ein extremer Bedarf besteht, in diese Schnittstelle zu gehen. Lexalyze dockt ja eher an die akademische Welt an und das LLI dockt eher die rechtspraktische Welt an. Wir haben gemerkt, dass enormes Interesse an Legal Tech vorhanden ist, gleichzeitig aber viele Unsicherheiten bestehen, weil die Leute oft nicht wissen, woran sie eine gute LegalTech-Applikation erkennen oder wie sie erkennen, was eigentlich für eine Applikation benötigt wird. Da haben wir uns gedacht, dass eine neutrale und offene Plattform gebraucht wird,  in der man gemeinsam an Projekten arbeiten kann – genau das hat sich mit dem LLI realisiert. Da gibt es fünf plus eins Arbeitsgruppen zum Beispiel zum Thema Standardisierung aber auch Digitalisierung, in denen wir ganz konkrete Projekte erarbeiten und diese Projektergebnisse dann z.B. als white papers, die öffentlich zur Verfügung stehen, veröffentlichen. Ein Beispiel dafür ist der Liquid Legal Institute Digitalization guide, wo wir gemeinsam mit anderen Mitgliedern aufgeschrieben haben, was eigentlich die Phasen eines solchen Legal Tech Projekts sind und dass es eben deutlich mehr ist als die bloße Implementierung der Software, was eigentlich nur ein vergleichsweiser kleiner Teil ist. Das Ganze ist im LLI möglich, weil wir uns gemeinsam verständigen und auch ein Netzwerk von Experten haben. Aktuell haben wir ein großes Projekt zum Lawyer Well-Being, weil wir auch getrieben durch unsere Mitglieder festgestellt haben, dass sich Anwälte verunsichert fühlen, weil sie als Profession, die ohnehin schon unter großem Druck „leidet“, jetzt noch das Thema Digitalisierung einarbeiten muss. Das kann  auf die Gesundheit gehen und es Zeit darüber offen zu sprechen. Hierzu gibt es auch einen Artikel von uns im Deutschen AnwaltSpiegel und natürlich auch auf unserer LinkedIn Website ist. Im Bereich Digitalisierung arbeiten wir gerade an einer Legal In-house Process Landscape weil wir feststellen, dass es oft wenig Transparenz gibt über die Prozesse einer Inhouse Rechtsabteilung. Solange ich keine Übersicht über meine Prozesse und Arbeitsschritte habe, kann ich auch wenig optimieren – damit habe ich wenige Ansatzpunkte für eine Technologielösung, die skaliert. Deshalb haben wir begonnen, gemeinsam mit den Mitgliedern zu sammeln, was es für typische Prozesse gibt, wie man diese beschreiben kann, was KPIs (Key Performance Indicators) für die Prozesse sind, wie sieht ein Maturity Index für die Prozesse aus. Das White Paper soll kann für Rechtsabteilungen, den General Counsel oder Legal Operations Manager ein Einstieg in Legal Tech und Legal Operations sein.

Sie waren beim Codex in Stanford in den USA. Was ist Codex in Stanford und was haben Sie dort gemacht und wie sieht das Thema Legal Tech in den USA im Vergleich zu Deutschland aus?

Ein Vergleich zwischen dem Legal Tech Markt in Deutschland und in den USA ist schwierig, weil beide durch unterschiedliche Themen getrieben werden. In den USA werden einfach andere Themen stärker forciert als in Deutschland, weshalb ich glaube, dass man bei einem Vergleich nicht sagen kann, dass eins besser ist als das andere. Vielmehr ist es wichtig, beide Welten zu verstehen und sich auszutauschen und zu kollaborieren, um dann zu versuchen, global vernetzt das gesamte Thema Legal Tech weiter zu bringen. In Deutschland haben wir zum Beispiel beim Thema access to justice oder Tech im Bereich Verbraucherschutz einen kleinen Vorsprung, dafür sind die USA beim Thema künstliche Intelligenz und Textanalyse, NLP sicher weiter, weil auch einfach der Bereich der computational linguistics schon weiter ist. Was ich am Codex auch klasse finde ist, dass es einfach an eine der führenden Law faculties in den USA angedockt ist. Das ist etwas, wovon Deutschland ganz sicher etwas lernen kann. Damit meine ich, dass viele amerikanische Juristen wirklich das Potential und die Chance sehen, die in Innovation durch Digitalisierung liegt. Hier sind uns die USA sicher voraus. Und beim Codex, da trifft sich wirklich alles – also da sind Studierende, Post Docs, Professoren und es gibt auch keine sichtbare Hierarchie, sondern da spricht jeder mit jedem und es ist wirklich eine sehr angenehme Arbeitsweise und Atmosphäre, weil jeder der etwas zu einem Thema weiß, der kann das sagen und wird gehört und genauso stellt man sich eigentlich die Arbeit in so einem Institut vor. Wenn wir in Deutschland etwas ähnliches haben wollen, zum Beispiel durch das Lexalyze Projekt, dann müsste man sich auf Fakultätsseite noch mehr auf diesen interdisziplinären Austausch comitten. Die Fakultäten müssen sagen: „Wir wollen aktiv den Austausch!“ – und dann klappt das auch. Der Rückstand, den Deutschland hier hat, ist definitiv nicht unaufholbar, aber es braucht eben comittment und auch Ressourcen, also man muss dann auch Leute dafür bezahlen, sich mit dieser Schnittstelle zu beschäftigen. Was dann auch wichtig ist ist, dass diese Leute dann auch angehört werden und nicht nur in ihrem stillen Kämmerlein sitzen, sondern vollwertig in die Fakultät eingebunden sind.

Was ist NLP (Natural language processing) grob und wie ist der aktuelle Stand der Technik?

Für mich ist NLP weiterhin eines der spannendsten Themen im Bereich Legal Tech. NLP ist ein Teilgebiet der künstlichen Intelligenz, der sich mit der Analyse von Text beschäftigt. Text ist ja immer noch die dominante Form der Information, gerade im juristischen Bereich, und wir sehen gerade unglaubliche Fortschritte, was die Fähigkeiten von Algorithmen betrifft, Texte in einer ähnlichen Art und Weise zu analysieren und zu interpretieren wie es ein Mensch macht. Durch Informationsextraktion, also das Erkennen von Beziehungen zwischen Texten, Argumenten in Texten und beim Übersetzen von Texten. Eine Maschine macht das 24/7 ohne zu murren und übersetzt 100.000 Texte in wenigen Minuten und ich glaube, dass Juristen die verstehen, wie sie effizient mit solchen Algorithmen arbeiten können, die Möglichkeit haben, sich unglaublich viel zu Arbeit sparen und immer noch sehr gute Ergebnisse zu erzielen. Deshalb halte ich NLP auch für so ein interessantes Feld und werde mich auch in Zukunft noch weiter damit beschäftigen.

 


Über den Autor

Sofian Djebbari
Mein Name ist Sofian Djebbari, ich bin 20 Jahre alt und studiere im 4. Semester Jura an der LMU in München. Direkt zu Beginn meines Studiums bin ich bei MLTech eingestiegen. Nebenher arbeite ich als studentischer Mitarbeiter in einer Kanzlei, wo ich erste praktische Erfahrungen mit Legal Tech sammeln kann. In meiner Freizeit spiele ich Tennis und Basketball und wenn möglich reise ich durch die Gegend.

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