Du wurdest kürzlich für den Women of Legal Tech-Award nominiert. Kannst du uns über den Award und darüber, was er für dich bedeutet, ein wenig erzählen? 

Die Nominierung als auch die Preisverleihung sollen den Beitrag würdigen, welchen Frauen im Bereich Legal Tech leisten und zudem für mehr Sichtbarkeit ihrer Initiativen in dem Bereich sorgen. Bereits durch die Nominierungen kann man ganz wunderbar sehen, wie viele eindrucksvolle und inspirierende Persönlichkeiten in ganz Europa die Zukunft des Rechtsmarktes gestalten. Ganz besonders finde ich in diesem Jahr die Bandbreite – in jedem relevanten Bereich wurden unglaublich viele Nominierungen eingereicht. Das zeigt, wie viel aktuell in Bewegung ist.

Ich fühle mich natürlich sehr geehrt in einer Reihe mit den großartigen Nominierten zu stehen. Für mich bedeutet dies eine Anerkennung unserer multidisziplinären Zusammenarbeit, die wir unseren Projekten und Initiativen leben. Ich bin voll und ganz davon überzeugt, dass nicht nur aber gerade in Zeiten von Veränderungen Unternehmen von einer Vielfalt an Know-how und Erfahrungen profitieren können. Dabei geht ein großer Dank an alle Kolleg*innen, die sich auf neue Herangehensweisen sowie Sichtweisen einlassen und somit erfolgreiche Ergebnisse und Anwendungsfälle liefern.

Die Bezeichnung deiner Position ist „Manager Innovation“ – wie genau muss man sich dein Jobprofil vorstellen? 

Vereinfacht gesagt besteht meine Aufgabe darin, eine Umgebung zu schaffen, die innovative Ideen zulässt. Dazu gehört beispielsweise, innovative Ideen zu fördern und auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen. Diese Ideen gilt es mit den passenden Technologien zusammenzubringen, um nutzerzentrierte Lösungen entwickeln zu können. Oder aber auch – um noch vor dem Einsatz von Technologie zu beginnen – Prozesse auf Mandanten- und Kanzleiseite zu visualisieren, analysieren und zu optimieren.  Dabei muss eine Brücke zwischen wirtschaftlichen Aspekten, Technologie, Kommunikation und Kreativität geschlagen werden. Einen großen Teil meiner Zeit nehmen also das Projektmanagement, die Kommunikation mit diversen Stakeholdern, aber auch Organisationsthemen ein. Workshops zu Themen aus dem Bereich Innovation und Legal Tech (insbesondere Design Thinking) werden von mir konzeptioniert, organisiert und in Teilen auch durchgeführt. Dazu gehört auch die gesamte Gestaltung der Marketing-Materialien. Der letzte Teil meiner Zeit wird gefüllt durch die ständige Recherche zu Markttrends und Technologien sowie der Gestaltung des Social Media Auftritts. Ein Wort beschreibt es also ganz treffend: vielseitig.

Dazu muss man vor allem multifunktional sein; Weitsicht, Erfahrungen aus vielen verschiedenen Feldern sowie einen frischen Blick auf oft eingefahrene Prozesse und Strukturen in die Arbeit mitbringen.

Was hat dich dazu bewegt, dich auf den Bereich Legal Tech zu spezialisieren? 

 Ehrlich gesagt bin ich den vielen Chancen gefolgt, die mir das Leben geboten hat. Der große Antrieb dahinter ist aber immer Neugierde und Abenteuerlust. Ich arbeite mich mit Leidenschaft in neue Felder ein, hinterfrage gerne und bin weniger der Spezialist für eine einzige Sache. Im Laufe meines Berufslebens habe ich deshalb gelernt, dass sich ein solches Profil eher dafür eignet, um an Schnittstellen zwischen Abteilungen und Menschen zu fungieren. Genau das hat mir dieser Bereich geboten. Innovation und Legal Tech waren zu diesem Zeitpunkt neue Gebiete, zu denen es wenig Grundlagen gab. Der Anspruch an die Tätigkeit war also, sich selbstständig und schnell in einer noch wenig konturierten Materie zurecht zu finden und mit eigenen Ideen wichtige Impulse zu setzen.

Manche fühlen sich in einer solchen Situation nicht wohl, für mich jedoch ist eine Tätigkeit, bei welcher man experimentieren und wandelbar sein kann und muss, genau das richtige.

Was war in deiner Position bisher die größte Herausforderung?

Meine größte Herausforderung ist die Erwartungshaltung. Durch vielversprechende Legal Tech Lösungen und großspurige Marketing-Spüche entsteht immer wieder der Eindruck, dass man mit einer Idee, einem Tool oder einem Produkt den Markt mit Leichtigkeit revolutionieren kann. Innovationsthemen sind aber komplexer und sind als ständiger Prozess zu begreifen.

Fangen wir beispielweise beim Mindset und der Kultur an: Das Mindset muss sich verändern und eine Innovationskultur wachsen, damit diese dann im gesamten Unternehmen oder der Kanzlei gelebt wird. Um Veränderungen für alle Mitarbeiter glaubhaft spürbar zu machen, muss diese Kultur durch alle Führungspersonen gelebt werden. Da Juristen tendenziell eher als konservativ und als Bedenkenträger gelten, kann man sich vorstellen, dass allein dieser Prozess einige Zeit in Anspruch nimmt und keinen genauen Endpunkt vorgibt.

Ein weiteres Beispiel findet man in der Technologielandschaft von Unternehmen oder Kanzleien. Auch hier stößt man immer wieder an Grenzen: man kann nicht jede Lösung auf dem Markt einfach nutzen. IT-Freigabeprozesse zur Datensicherheit und zum Datenschutz, gerade bei den in Kanzleien so sensiblen Daten, stehen dem oftmals im Weg.

Dies sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität sein kann. Diese Erwartungshaltung muss man immer wieder moderieren, da Menschen unterschiedlich sind und individuell auf Veränderungen reagieren.

Wie relevant ist für dich in deinem Arbeitsalltag die Schnittstelle zum Recht, wie sehr die zur Informatik? 

Die Schnittstelle zum Recht ist in erster Linie relevanter als die zur Informatik. Genauer gesagt zur anwaltlichen Tätigkeit, die in Bezug auf meine Projekte oftmals aber nicht immer mit Recht in Verbindung steht. Natürlich muss ich wissen, wie man diverse Anwendungen einsetzt, was sie können und wo die Grenzen liegen. Zuvor muss ich mich jedoch mit dem Problem / der Idee auseinandersetzen und verstehen. Sehr treffend formuliert das Albert Einstein: „Das Problem zu erkennen ist wichtiger als die Lösung zu erkennen, denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung.“ Das führt dazu, dass ich ein Verständnis für diese Themen aufbaue, um danach Einschätzungen vornehmen zu können, wann und wie beispielsweise welche Stakeholder einbezogen werden müssen, welche Schnittstellen zu bedenken sind oder welche Herangehensweise sinnvoll ist. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt es dann ggf. zum Einsatz von Technologien, man sollte dabei natürlich nicht verpassen, rechtzeitig die Spezialisten einzubeziehen.

Vielen Dank für das Gespräch, Jasmin!


Über den Autor

Shazana Rohr
Shazana Eliza Rohr ist Studentin an der Ludwig-Maximilians-Universität und Studentische Hilfskraft am GRUR-Lehrstuhl von Herrn Prof. Dr. Matthias Leistner, LL.M. Cambridge.

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