MLTech: Würdest Du als Student nochmal genauso studieren?

 

Dirk Hartung: Ja und nein. Ich habe 2009 an der Bucerius Law School angefangen und hatte dort ein fantastisches Bildungserlebnis. Ich habe alles mitgenommen, was angeboten wurde: Sprachkurse, Studium Generale, Model United Nations, Engagement, Vorträge…Dabei habe ich Persönlichkeiten wie den Unternehmer Peter Thiel oder die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi getroffen, die ich sonst vermutlich nie kennengelernt hätte. Zum Examen muss man sich aber wie überall etwas quälen. Es wäre schön, wenn das irgendwie anders ginge.

Ich würde jetzt vielleicht mutiger sein, Dinge noch mehr zu verfolgen, die nichts mit dem Curriculum zu tun haben. Damals gab es an der Law School fast nichts Technisches im Angebot. Ich dachte mir, dass das wohl so sei und die Leute schon wissen würden, wie die Ausbildung am besten sei. Erst als ich nach Amerika blickte ist mir durch den YouTube Kanal vom Codex in Stanford und das Law Lab vom IIT Chicago-Kent College of Law klar geworden, dass zur Ausbildung auch mehr Technik gehören kann. Ich würde heute wohl wie MLTech mehr verlangen und mehr Anregungen geben.

 

MLTech: Muss sich die Ausbildung oder die Studierenden an neue Anforderungen anpassen? Hast Du hierfür schon konkrete Maßnahmen ergriffen?

 

Dirk Hartung: Noch vor 3 Jahren hätte ich als Antwort gegeben, dass es zwei Typen gibt. Die einen müssen Technik nur grundlegend verstehen, die anderen müssen sich da mehr reinarbeiten.

Heute verstehe ich die Rechtswissenschaftler als Bewältiger rechtlicher Komplexität. Unsere Produkte und gesellschaftlichen Beziehungen werden immer komplexer und lösen mehr Regelungsbedarf aus. So ist zum Beispiel in den letzten 25 Jahren der Umfang von Gesetzen erheblich gestiegen. Diese haben jetzt viel mehr Gliederungsebenen und Querverweise wie wir gerade in einem Paper gezeigt haben. Künftige Juristen müssen damit klarkommen und können das nur mit der Hilfe von Technologie, da der Aufwand über das menschlich Mögliche weit hinausgeht. Um Ergebnisse technischer Hilfsmittel zu verstehen reicht nicht nur ein Ethikkurs. Wichtige Fragen sind: was ist der Einfluss von Extremwerten, wie ist die Verteilung, was für Tests wurden auf die Daten angewendet? Man muss den statistischen Prozess und die Data Science dahinter verstehen um als Anwalt weiterhin hilfreich zu bleiben.

An der Law School ist seit fünf Jahren meine Aufgabe, die Rechtswissenschaften technologischer und quantitativer zu machen. Wir haben als Einstieg die Legal Tech Lecture mit der sich Leute mit dem Thema bekannt machen können. Danach gibt es das Technologiezertifikat mit Einführung in die Informatik, Data Science, Programmierung, Ethik und einem Softwareentwicklungspraktikum. Das umfangreichste ist bisher das Summer Program in Legal Tech and Operations, bei dem man mit globalen Speakern drei Wochen lang in Legal Tech, Legal Design, Innovation Diffusion etc. eintauchen kann. Dieses Jahr kann man sich wegen der Coronakrise für die Legal Tech Essentials einfach anmelden und kostenlos dabei sein. Zusammen mit Prof. Daniel M. Katz vom Chicago Kent College of Law haben wir außerdem vor kurzem das Center for Legal Technology & Data Science gegründet. Da arbeiten wir an mehr Kursen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen wie dem Paper zum Wachstum und der Komplexität von Rechtssystemen.

 

MLTech: Wie ist Deutschland im internationalen Vergleich aufgestellt? Wo gibt es den größten Aufholbedarf?

 

Dirk Hartung: Insgesamt ist Deutschland gut aufgestellt. Der große Nachteil in Deutschland ist die Ausbildung zum preußischen Richter und Generalisten. Studenten in den USA haben schon vor dem Jurastudium einen undergraduate degree in anderen, oft quantitativ arbeitenden Fächern. Bei uns ist das Studium grundständig und Studierende mit einem anderen Hintergrund sind eher 1 aus 100 oder 1000. Dieses Korsett ist nicht optimal. Die Schwerpunkte sind gut, weil die Universitäten hier innovativ sein können. Trotzdem schwebt über allem der Examensdruck, der die Prioritätensetzung stark beeinflusst. Legal Tech wird Staatsexamensthema werden, aber das wird dauern. Außerdem ist es bei Legal Tech mit einem Jurastudium leider noch nicht getan. Man muss zumindest auch mathematische Grundlagen können und verstehen wie die Technologie wirklich funktioniert.

Auch in der Forschung ist es in Deutschland überwiegend sehr einheitlich. Es gibt keinen Lehrstuhl zu Legal Data Science oder rechtlicher Netzwerkforschung, weil die empirische und quantitative Forschung in der Rechtswissenschaft nur sehr vereinzelt z.B. in der Kriminalistik oder Verwaltungswissenschaft vertreten ist. Am ehesten wird noch Rechtssoziologie betrieben, aber die hat im Moment keinen hohen Stellenwert. Die Lehre sollte sich also insgesamt der Anwaltspraxis annähern und die Forschung quantitativer werden.

 

MLTech: Was wäre Dein Wunschziel für die deutsche Rechtsbranche in den nächsten zehn Jahren?

 

Dirk Hartung: Wir müssen es schaffen, die steigende Komplexität zu bewältigen und unsere Access to Justice Probleme lösen. Man braucht derzeit im Schnitt etwa acht Monate für die erste Instanz. Das ist unattraktiv für die Menschen. Die meisten Leute kommen gar nicht darauf bei Alltagsproblemen geltendes Recht gerichtlich durchzusetzen. Dafür muss sich auch die Arbeit in den Kanzleien ändern. Man muss Anreize für effizientes, interdisziplinäres Arbeiten schaffen. 10 Jahre sind vielleicht etwas kurz, aber man muss die anwaltlichen Risiken greifbarer machen. Es kann nicht sein, dass man „vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand“ ist. Wir brauchen mehr Daten, mehr Technologie und mutige Regulierung, etwa regulative Sandboxes, in denen experimentiert werden kann. Wir müssen bei der Regulierung ins 21. Jahrhundert kommen.

Ich bin zwar oft unzufrieden mit der Veränderungsgeschwindigkeit aber insgesamt dennoch optimistisch. Jedes Jahr ist es ein bisschen besser als das Jahr davor. Wir haben die Werkzeuge für den Wandel!

 

MLTech: Was fasziniert Dich an Legal Tech?

 

Dirk Hartung: Man muss sich seine Analysemethode selber bauen, die Daten selber besorgen… Es ist wie in einer Eisenbahn, der man die Schienen erst legt kurz bevor sie darüber fährt. Wir wissen teilweise die einfachsten Dinge nicht, auf die man sehr einfache Antworten haben könnte: Was ist alles Zivilrecht? Wie viele Strafrechtsnormen gibt es? Wie entscheiden Gerichte in Asylsachen insgesamt? Wie entscheiden sie pro Bundesland anders? Welcher Richter am BGH hat die höchste Revisionsquote? All das sind sehr valide Fragen! Prof. Daniel Katz hat mir mal gesagt, man sei wie Darwin auf den Galapagosinseln. Man guckt sich um und beschreibt nur, was man sieht. Selbst das ist ein Erkenntnisgewinn im Vergleich zur bisherigen Rechtswissenschaft. Wir haben noch viel terra incognita vor uns. Das gibt es nicht oft in einer Disziplin!

 

MLTech: Als kurze Abschlussfrage: Passiert schon genug?

 

Dirk Hartung: Es passiert nie genug! Es gibt jetzt mehr Messen und Konferenzen als vor fünf Jahren und sogar schon die ersten Lehrstühle. Gleichzeitig ist der erste Hype auch langsam vorbei, es gibt weniger substanzlose Selbstdarsteller und wir merken wieviel Arbeit die Digitalisierung unserer Branche ist. Die Qualität der Unterhaltung steigt und man merkt Fortschritt. Man kann sich selbst aber immer noch mit Leib und Seele dem Thema verschreiben. Es gibt viele Leute zu überzeugen und noch mehr zu erforschen.

Kategorien: Allgemein

Über den Autor

Clemens Hufeld
Clemens hat in München Anglistik, Jura und Umweltstudien studiert. Vor dem Staatsexamenstermin im März 2019 hat er MLTech mitbegründet, am Jessup Moot Court teilgenommen und gecoacht und im Writing Center der LMU gearbeitet. In seiner Freizeit hängt er beim Calisthenics im Olympiapark an diversen Stangen, geht seiner Theaterleidenschaft nach, betreibt Foodsharing und versucht so viel wie möglich zu lesen. Clemens ist nicht nur für seine Größe allgemein bekannt, sondern auch für seine alternativen Gesprächsthemen: kritisch gegenüber Allem, aber auch für Alles zu haben.

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