Meine meisten finnischen Kommilitonen finden es witzig, dass ich aktiv bei einem
Legal Tech Verein in München bin. Nicht deswegen, weil MLTech an sich irgendwie witzig wäre, und (hoffentlich) auch nicht deswegen, dass meine Freunde sich schwertun würden, mich in so einer Beschäftigung vorzustellen.

 

Der Hype

Der Grund dafür liegt daran, dass Legal Tech vor ein paar Jahren ein großer Trend in der finnischen Jura-Blase war – und jetzt haben die meisten genug von Veranstaltungen mit dem Titel „Die Zukunft des Rechtsbereichs“. Legal Tech wird meistens mit den Start-up-begeisterten jungen Jurist*innen assoziiert, die ständig über neue Geschäftsideen reden; das Wort „Pöhinä“ beschreibt die Stimmung unter den Technologie-begeisterte Startup-Leuten. Vor einigen Jahren „Hyvä Pöhinä, Gutes Pöhinä“ war ein großes Kompliment für innovative Geschäftsideen. Nun hat das Wort einen ironischen Klang.

 

 

 

Die Ironie beim Thema Legal Tech stammt nämlich davon, dass der Bereich sich gar nicht so schnell entwickelt, was man erwarten könnte. Wenn man nicht wahnsinnig tief in das Thema tauchen will, ist man schon mit den Informationen zufrieden, dass KI als „cool things that computers can’t do” bezeichnet wird, dass es in der Zukunft interessante rechtliche Probleme mit Ethik und Technologie geben wird und dass es sich immer noch lohnt, Jura zu studieren.

 

Was aus Legal Tech werden sollte

Persönlich bin ich der Meinung, dass Legal Tech tatsächlich nur ein Trend sein sollte. Versteht mich nicht falsch – Legal Tech ist schon da und ist sowieso nicht das Problem. Am liebsten würde ich aber gar keine rechtlichen Themen oder Fragen unter dem Titel „Legal Tech“ besprechen, weil viele von den „Legal Tech“ Themen starke Bezüge zu den anderen Rechtsbereichen haben: automatisierte Steuerbeschlüsse haben vor allem verwaltungsrechtliche Dimensionen,  bei den Straftatvorhersagen geht es um Gleichberechtigung vor dem Gesetz und schließlich ist es ja Rechtsphilosophie zu fragen, unter welchen Voraussetzungen wir KI als Rechtssubjekt verstehen könnten. Legal Tech ist wie EU-Recht: auch wenn man ausschließlich in der nationalen Ebene handeln möchte, muss man trotzdem den Unterschied zwischen einer EU-Verordnung und einer Richtlinie kennen.

 

…und was das für den Verein bedeutet

Und wie ist es denn mit dem Verein MLTech – hat MLTech nur gutes „Pöhinä“ und mehr nicht? Brauchen wir überhaupt Vereine, die sich mit Legal Tech beschäftigen, falls wir Technologie sowieso in allen Rechtsbereichen integrieren wollen?

 

 

Unbedingt! 

 

                                                                                                                                

Denn wir Jurist*innen sind ja oft eher konservativ (da gibt es echt kein Unterschied zwischen Finnland und Deutschland) und deshalb wird es wohl dauern, bis man wirklich über rechtliche Fragen der KI in den Grundkursen redet und bis verschiedene Legal Tech Tools eine Selbstverständlichkeit in den Kanzleien sind. Bis dahin brauchen wir dringend MLTech und andere ähnliche Initiative, die immer wieder das Thema Recht und Technologie vorbringen – auch wenn man dabei humoristische Witze über „Pöhinä“ hören muss. Die ganzen ethischen KI-Fragen müssten nämlich lieber schon im Voraus gelöst werden, damit die fehlenden rechtlichen Stellungnahmen nicht zu (Grund)Rechtsverletzungen führen. Das bekommen wir nur dann hin, wenn der ganze Rechtsbereich mitmacht.

 

 

Deshalb sage ich nur: Weiter so, liebes MLTech! Ich hoffe, dass wir Dich, Du wunderbare Initiative, bald gar nicht mehr brauchen, weil die Technologie ein untrennbarer Teil von den anderen Rechtsbereichen geworden ist.

Pöhistään jatkossakin!

Bilder:

Hype cycle: Jeremykemp, English Wikipedia

Das Foto von den finnischen Jura-Studierenden: Tuomas Rudanko, Pykälä ry

Kategorien: Allgemein

Über den Autor

Helinä Teittinen
Helinä ist eine finnische Jurastudentin, die seit Oktober ihr Auslandsjahr in München macht und hier ihr Weg zu MLTech gefunden hat. Nächstes Jahr schreibt sie ihre Masterarbeit an ihrer Heimatuniversität in Helsinki, um sich eine Juristin nennen zu dürfen.

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