Am Montag den 20.4. hat die LMU die Lehre im Sommersemester 2020 aufgenommen. Die Unigebäude sind aber Mitte Mai nach wie vor geschlossen. Gleichzeitig bin ich froh Teil dieses beispiellosen Digitalrucks zu sein und insgesamt stolz auf alle, die daran teilhaben, dass es nicht nur weitergeht, sondern sich die Lehre sogar merklich verbessert. Ich selbst habe die Lage gleich aus mehreren Perspektiven beobachten können: als Student an zwei verschiedenen Fakultäten (Sprach- und Literaturwissenschaften & Informatik) und als Dozent an einer Dritten (Jura). Aus dieser Mehrfachperspektive folgt hier eine Bestandsaufnahme mit einigen guten und schlechten Punkten. Dieser Überblick ist, anders als ich das noch vor wenigen Wochen befürchtet hatte, keine Abrechnung.

Wenn ihr das hier lest und selber Onlinelehre konsumiert oder anbietet: Kommentiert den Beitrag gerne und kommuniziert eure Beobachtungen! Die Onlinelehre hat unglaubliches Potential. Das kann sie nur voll ausschöpfen, wenn ihr euch persönlich bei den Verantwortlichen mit Feedback und Ideen meldet oder die Verantwortlichen sich über Verbesserungsmöglichkeiten austauschen.

Hier einige Beobachtungen, die so ziemlich alle betreffen:

1. Alter der dozierenden Person ist invers proportional zur Begeisterung über die Onlinelehre.

Zu diesem Punkt einige Zitate zweier Informatikprofessoren (!) der LMU:

Onlinelehre ist für jeden von uns völliges Neuland
Es hat keiner von uns Erfahrung mit der Onlinelehre
Kein Vorwissen zur Fernlehre
War jeher skeptisch, wenn es um Ersatz einer Vorlesung durch Aufzeichnung geht
Von solcher Berieselung halte ich nichts

Die Qualität der Onlinelehre hängt unter den aktuellen Umständen stark von der Motivation des Lehrpersonals ab. Die beiden Professoren, von denen die oben genannten Zitate stammen, bieten inzwischen ein exzellentes Onlineangebot an. Anderen wiederum merkt man deutlich an, dass sie schlichtweg keine Lust auf dieses haben. Ein Seminar, von dem ich gehört habe, wurde in der ersten Semesterwoche „unter diesen Umständen“ schlichtweg abgesagt. Eine meiner Vorlesungen wurde zum reinen Lesekurs erklärt. Diese Beispiele sind eine Bankrotterklärung des Lehrpersonals, das so tut, als ob bei der Onlinelehre Freeway Cola in teuren Rotwein gekippt würde. In Wahrheit werden hier zwei Whiskeys vermischt um einen qualitativ besseren Blend zu erstellen. Natürlich muss dieser noch reifen, bevor er seine Stärken voll ausspielen kann. Nur hat dieser Reifungsprozess eben gerade erst begonnen hat.

Gleichzeitig muss man auch positive Beobachtungen nennen. Herr Prof. Heckmann von der TU München etwa sagt, er mache sowieso seit 20 Jahren Onlinelehre, also sei das kein Problem. So soll das sein! Außerdem herrscht milder Enthusiasmus beim jüngeren Lehrpersonal. Aussagen wie „Ich glaube nicht, dass die Lehre leidet“ und „Wir lernen alle unglaublich viel“ machen mir Mut. Als absolut vorbildlich möchte ich hier Dr. Martin Heidebach der juristischen Fakultät nennen, der sich in Rekordzeit ein alternatives Tutoriumskonzept ausgedacht hat (Fallbesprechung als Podcast allgemein zugänglich, jede TutorIn bekommt in der Zeit des Tutoriums zwei Zoom-Gruppen mit je 20 Leuten in 45 Minuten Fragerunden nacheinander) und sich innerhalb von ein bis zwei Wochen Videoaufnahme & Schnitt beigebracht hat. Das Tutorium Verwaltungsrecht BT hat jetzt mehr Anmeldungen, als es in Präsenzsemestern bisher hatte.

2. Viele, viele Plattformen und Konzepte

Hier eine Liste von Plattformen, die ich brauche um an meinen Vorlesungen teilnehmen zu können:

• Zoom
• Moodle
• LSF („Lehre Studium Forschung“; Verwaltungs-Management System der LMU)
• Uni2Work (Organisationsplattform der informatischen Studiengänge der LMU)
• Zulip (Chatapp für verteilte Teams)
• Slido (Live Fragen stellen)
• Discord (Chatapp für verteilte Teams, eher aus der Gaming-Ecke)
• You-Tube
• LMUCast (eigenes Podcasthosting der LMU)
• Dropbox
• WhatsApp
• Kurs läuft komplett über Email
• Einzelgespräche per Telefon

But wait, there’s more:

Jeder Kurs benutzt eine Melange aus 2 bis n Plattformen. Beispiel: Ein Kurs veranstaltet Vorlesungen per Zoom, eine Zentralübung als Podcast auf LMU Cast, die Übung auf Zulip und Abgaben über Uni2Work. Andere Kurse bedienen sich einer Mischung aus asynchronem und synchronem Lehrangebot, also Inhalten, die man sich in seiner Freizeit zu Gemüte führen kann und Präsenzlehre. Wann genau Präsenzveranstaltungen stattfinden sollen wird teilweise offengelassen – teilweise wird noch immer gehofft, dass wir so schnell wie möglich zur Präsenzlehre zurückkehren. Das gesamte Semester im Voraus zu planen scheint daher wenig attraktiv.
Bei ungefähr drei Plattformen pro Kurs und unklarer Lage, ob und wann Zoom-Meetings live stattfinden sollen, verliert man schnell den Überblick, was genau wo ansteht. Hier wäre eine klare Kommunikation von den Dozierenden und eine Konsolidierung der Plattformen angenehm. Interessanterweise hat bisher niemand Slack benutzen wollen, das anscheinend im Bildungssektor noch nicht Fuß fassen konnte.

Ich möchte mich nicht unbedingt über die Menge an Plattformen beschweren, da ich es wertschätze, dass sich die VeranstalterInnen jeder Vorlesung seine bzw. ihre eigenen Gedanken macht. Um die Konzepte zu ermitteln, die gut funktionieren, müssten sich das Lehrpersonal und die Studierenden über ihre Erfahrungen meiner Meinung nach aber noch mehr austauschen.

3. Erodieren von Freiheiten, Vergrößern einer Kluft

Gerade in Seminaren wird im Punkt Anwesenheit genauer hingeguckt als sonst. Die Mär der „Anwesenheitspflicht“ an der Universität wird den Studierenden von vielen DozentInnen hartnäckig vorgespiegelt. Dezentrale Kurse scheinen die Skepsis der dozierenden Personen gegenüber der Arbeitswilligkeit ihrer Studierenden zu beflügeln. Die Skepsis äußert sich in rigideren Überwachungskonzepte von Lernfortschritten, sei es durch „Hausaufgaben“ oder Kontrolle, wer in den Zoom Meetings alles da ist. Wenn die Anzahl der Präsenztreffen reduziert wird, ist der Gedanke naheliegend, man habe ja nur wenige Treffen, ein Fehlen wiege daher besonders schwer. Dieser ist aber falsch.

Ich verstehe, dass Seminare gut funktionieren, wenn viele Menschen anwesend sind und eine rege Diskussion entsteht. Hier ist technisch kein Unterschied zum Hörsaal zu merken: Es beteiligen sich online wie offline pro Kurs sowieso nur 2-4 Leute regelmäßig. Allerdings ist es über eine Webinarplattform für schüchterne Studierende noch einfacher, das gesamte Semester als schwarze Kachel ohne Video kein Wort von sich zu geben. Die Kluft zwischen extrovertierten und introvertierten Personen, die im Studium sowieso besteht (extrovertierte werden aufgrund der größeren Aufmerksamkeit des Lehrpersonals besser gefördert), wird noch vergrößert. Wenn man vorher nicht selbstständig auf die Lehrperson zugegangen ist, ist man jetzt nicht mal mehr im selben Raum, wo man sich aneinander gewöhnen könnte. Die Last, sich bemerkbar zu machen liegt jetzt noch stärker bei den Studierenden. Das Lehrpersonal muss im Webinarformat noch kreativer darin werden, das fehlende Livefeedback der Studierenden durch andere Methoden wett zu machen.

4. Webinarplattformen eignen sich exzellent für Vorlesungen, bei Seminaren geht es noch besser

Meine anfänglichen Bedenken, dass Chaträume zu Brüllaffenkäfigen devolvieren könnten und dass die Kommentierungsfunktion für Unflätiges benutzt würde, hat sich (nach dem Novelty-Faktor der ersten zwei Wochen) erfreulicherweise nicht bewahrheitet. Es stellt sich heraus, dass Studierende erwachsene Menschen sind, die freiwillig da sind und sich auch dementsprechend verhalten. Nur das Video ist ein kritischer Punkt: Ich kann aus eigener Lehrerfahrung sprechen, dass es anstrengend ist, vor ausgeschalteten Videokacheln zu unterrichten. Ein wenig menschliche Reaktion ist angenehm und hilfreich um nicht als Live-Podcast zu enden. Wenn man die Kamera und das Mikro ausschaltet, wird die Lehre immer mehr zum einseitigen Konsumgut. Für Vorlesungen ist das wunderbar. Meine Wahrnehmung und mein Lerneffekt bei Vorlesungen über 50 TeilnehmerInnen hat sich drastisch verbessert. Es fühlt sich als Student für mich angenehmer an, die Lehrperson direkt zu sehen, als in der hintersten Ecke eines stickigen, dunklen Hörsaales mit veralteter Tontechnik zu sitzen. Bei Seminaren, die auf Interaktion basieren, hat sich noch keine Routine eingestellt, wer sich wann wie bemerkbar machen kann und darf. Hier muss sich auch noch eine genauere Etikette einbürgern. Woher diese kommen soll, weiß aber keiner – zumal „codes of conduct“ von der Uni meiner Erfahrung nach wenig ausmachen. Eine solche Etikette wird sich wohl als „Webinarkultur“ einpendeln.

Ergebnis zum Onlinesemester bisher

Die Onlinelehre funktioniert super, teilweise sogar besser als Präsenzlehre! Die Lehrqualität hat sich bei den meisten Angeboten verbessert. Insbesondere dort, wo asynchrone Podcasts aufgenommen werden, wird mit stringentem roten Faden durcherklärt. Die gleichzeitige Wiederholungsmöglichkeit macht Welten unterschied. Hier eine Liste, welches Angebot bisher am besten ist:

1. Vorlesung in kleineren Blöcken auf You-Tube hochgeladen
2. Vorlesung vorher als Podcast aufgenommen und auf Uniplattform geladen
3. Vorlesung in Zoom live aufgenommen und hinterher zur Verfügung gestellt
4. Vorlesung im Hörsaal mitgefilmt und hinterher zur Verfügung gestellt

Die Vorlesung ist nicht etwas, was lückenlos in die digitale Welt übernommen werden sollte. Klassische Vorlesungen leiden an Gebrechen, die in der Onlinelehre ausgemerzt werden können. Hier sind die death-by-PowerPoint Krankheit (mit der die Uni in hohem Maße durchseucht ist) außerdem noch das Bakterium Schwafylococcus Aureus und die Abgehoberitis zu nennen.

Bei Seminaren sollten so viele Kommunikationskanäle wie möglich offen gehalten werden, um die Kommunikation zu erleichtern. Gerade die Chatfunktion kann hier gewinnbringend eingesetzt werden, um die schüchterneren TeilnehmerInnen zu Wort kommen zu lassen.

Das ganze Lehrpersonal hat in den letzten Wochen etwas geleistet, was mich begeistert: sie haben einen großen Schritt in Richtung Digitalisierung gewagt. Dieser war zwar erzwungen, aber er ist jetzt geschehen. Ein einfaches Zurück geht wohl (hoffentlich) nicht mehr. Damit uns die Vorteile, die sich schon jetzt zeigen, in der Zukunft erhalten bleiben und noch weiter ausgebaut werden können hier noch ein großer Appell an jede einzelne Person, die Lehre betreibt:

REDET. ÜBER. ONLINELEHRE.

Für Studierende bedeutet das konkret: Verlangt von euren DozentInnen, dass sie miteinander über die Onlinelehre reden. Ich selber habe mich in der Isolationszeit daran gemacht, meinen eignen Beitrag zur Onlinelehre beizutragen und einen You-Tube Kanal zu Grundrechten aufgemacht. Die Videos vermitteln hochkonzentriert Wissen, sind jederzeit verfügbar, komplett kostenlos und genauer als ich es in meiner Grundrechtsübung über Zoom je erklären könnte. Die Lehre kann sich von dem Punkt wo wir jetzt sind noch stark verbessern.

Packen wir‘s an!


Über den Autor

Clemens Hufeld
Clemens hat in München Anglistik, Jura und Umweltstudien studiert. Vor dem Staatsexamenstermin im März 2019 hat er MLTech mitbegründet, am Jessup Moot Court teilgenommen und gecoacht und im Writing Center der LMU gearbeitet. In seiner Freizeit hängt er beim Calisthenics im Olympiapark an diversen Stangen, geht seiner Theaterleidenschaft nach, betreibt Foodsharing und versucht so viel wie möglich zu lesen. Clemens ist nicht nur für seine Größe allgemein bekannt, sondern auch für seine alternativen Gesprächsthemen: kritisch gegenüber Allem, aber auch für Alles zu haben.

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