Legal-Tech-Startups – Erfolgsfaktoren und Herausforderungen
Innovation trifft Recht: Chancen, Stolpersteine und Erfolgsgeheimnisse
Die Legal-Tech-Branche erlebt derzeit einen beispiellosen Wandel. Traditionelle Rechtsdienstleistungen treffen auf digitale Lösungen, künstliche Intelligenz und datengetriebene Anwendungen – ein Umfeld voller Chancen, aber auch voller Herausforderungen.
In diesem Beitrag beleuchten wir, welche Faktoren den Erfolg von Legal-Tech-Startups maßgeblich beeinflussen, welche Hürden Gründerinnen und Gründer realistisch erwarten sollten und welche praktischen Erkenntnisse gewonnen werden können.
I. Vom Gesetzbuch zur KI: Der Rechtsmarkt im größten Wandel seiner Geschichte
Der Rechtsmarkt befindet sich mitten in einer tiefgreifenden digitalen Transformation. Wer heute ein Legal-Tech-Startup gründet, hat die Chance, frühzeitig innovative Lösungen zu etablieren und von der wachsenden Nachfrage nach effizienten, technologiegestützten Rechtsdienstleistungen zu profitieren.
Gleichzeitig erlebt die Legal-Tech-Branche eine Phase rasanter Entwicklung: Weltweit entstehen kontinuierlich neue Anwendungen, die den juristischen Arbeitsalltag modernisieren und den Zugang zum Recht spürbar erleichtern. Startups verbinden dabei technologische Innovationskraft mit juristischer Expertise und schaffen Lösungen, die Effizienz und Qualität gleichermaßen steigern. Um diese Dynamik greifbarer zu machen, haben wir einen Blick auf zwei prägende Akteure geworfen: LexMea und Noxtua.
LexMea, im Jahr 2022 von den Brüdern Michael und Tobias Strecker gegründet, zählt mittlerweile zu den vielversprechendsten deutschen Legal-Tech-Unternehmen.[1] Noxtua wiederum entwickelte sich aus dem 2017 gegründeten Unternehmen Xain und positioniert sich seit dem Rebranding im Jahr 2025 als Europas erste souveräne Rechts-KI.[2]
Bei all diesen Chancen steht die Branche jedoch auch vor anspruchsvollen Herausforderungen. Welche Erfolgsfaktoren für die Gründung eines Legal-Tech-Startups entscheidend sind – und welche Hürden Gründerinnen und Gründer realistisch erwarten – beleuchten wir im weiteren Verlauf dieses Beitrags.
II. Erfolgsfaktoren
1. Eine starke Vision: Wo erfolgreiche Legal-Tech-Startups beginnen
Der Erfolg eines Legal-Tech-Startups steht und fällt mit einer innovativen Lösung für ein konkretes rechtliches Problem. Gründerinnen und Gründer haben dabei zahlreiche Möglichkeiten: von der Automatisierung standardisierter Abläufe über digitale Rechtsberatungsangebote (wie etwa flightright)[3] bis hin zu datengetriebenen Analysen für die Rechtsbranche oder der sicheren Abwicklung von Transaktionen mittels Blockchain-Technologien.
Ob es sich dabei um einen völlig neuen technologischen Ansatz handelt oder um die Optimierung bestehender Prozesse, spielt keine Rolle – entscheidend ist, dass die Lösung ein juristisches Problem adressiert oder den juristischen Alltag spürbar erleichtert.
LexMea zeigt dies exemplarisch: Die Plattform optimiert das juristische Lernen und Arbeiten, indem sie ein Online-Gesetzbuch mit digitalen Annotationsfunktionen, Prüfungsschemata, Vorlesungsunterlagen, einer Lern-App und einem Prüfungsmodus kombiniert. Noxtua hingegen setzt als Rechts-KI auf die Unterstützung von Rechtsexpertinnen und -experten bei der Recherche juristischer Sachverhalte sowie beim Überprüfen, Überarbeiten oder vollständigen Entwerfen neuer Dokumente.
2. Gemeinsam stark: Das Team als Fundament jeder Innovation
Ein weiterer zentraler Erfolgsfaktor ist ein interdisziplinär aufgestelltes Team. Die Verbindung juristischer Expertise mit betriebswirtschaftlichem Know-how und technischer Kompetenz ist unerlässlich, um komplexe, sichere und datenschutzkonforme Softwarelösungen zu entwickeln.
LexMea verfolgte diesen Ansatz von Beginn an und ergänzte das ursprüngliche Gründungsteam um einen CFO mit wirtschaftlichem Hintergrund sowie einen CTO mit IT-Expertise. Wie sich ein solches Team auch dann aufbauen lässt, wenn anfangs kein perfekter Gründungspartner gefunden wird, erläutert uns Clemens Hufeld. Programme und Netzwerke wie UnternehmerTUM, Manage & More oder das CDTM bieten hier wertvolle Unterstützung. Durch die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen können leistungsstarke, sichere und datenschutzkonforme Anwendungen für zehntausende Nutzer entstehen.
3. Am Bedarf orientiert: Warum Nutzer die Richtung vorgeben
Die Gründung eines Unternehmens ist nur der erste Schritt – doch wie bleibt ein Startup langfristig relevant? Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht, denn im Zentrum steht stets die konsequente Erfüllung der Bedürfnisse der anvisierten Nutzergruppe. Im Legal-Tech-Bereich bedeutet das vor allem, den Arbeitsalltag von Juristinnen und Juristen spürbar zu erleichtern. Dafür sind kontinuierliche Anpassung, Optimierung und Innovation erforderlich, stets im Einklang mit den aktuellen Marktbedingungen.
Besondere Bedeutung kommt dabei der Phase zwischen Lern- und Wachstumsphase zu, dem sogenannten Product Market Fit.[4] Ziel ist es, eine Produktlösung zu entwickeln, die exakt auf den passenden Absatzmarkt zugeschnitten ist und sich dort erfolgreich verkaufen lässt. Ein essenzieller Bestandteil ist das frühzeitige und langfristige Testen eines Prototyps – des sogenannten Minimum Viable Product (MVP).
Je nach Branche kann ein MVP unterschiedlich aussehen: Bei Apps etwa als Beta-Version, bei Softwarelösungen als Landingpage. Auch wenn frühes Feedback häufig kritisch ausfällt, ist gerade dieses von unschätzbarem Wert. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung von Produkt und Unternehmen ein – und bilden letztlich die Grundlage für nachhaltiges Wachstum.[5]
III. Herausforderungen
1. Komplexer Start: Wenn Expertise allein nicht reicht
Der Schritt von einer vielversprechenden Produktidee hin zur tatsächlichen Umsetzung stellt für viele Gründer eine enorme Herausforderung dar. Legal-Tech-Startups werden häufig von Juristinnen und Juristen ins Leben gerufen, denen naturgemäß spezifisches Fachwissen in Bereichen wie Pitch-Deck-Erstellung, Businessplanung, Designentwicklung oder Investorengewinnung fehlt. All dies sind jedoch zentrale Aufgaben, mit denen die meisten juristischen Gründer zunächst kaum Berührungspunkte hatten.
Auch die Gründer von LexMea sahen sich zu Beginn mit genau diesen Hürden konfrontiert. Sie überwanden sie jedoch erfolgreich, indem sie frühzeitig den Austausch mit anderen Startups suchten und gezielt die Unterstützung von Accelerator-Programmen nutzten. Solche Programme bieten Gründerinnen und Gründern nicht nur finanzielle Hilfen, sondern auch wertvolle Ressourcen, Mentoring, ein starkes Netzwerk sowie umfassende Weiterbildungsangebote – und begleiten junge Unternehmen besonders intensiv in der entscheidenden Anfangsphase.
Im Legal-Tech-Bereich erweisen sich die kostenfreien Accelerator-Programme XPLO-RE und XPRENEURSals besonders hilfreich, da sie vollständig equity-free sind – Gründerinnen und Gründer müssen also keine Unternehmensanteile abgeben. Dadurch können sie notwendige Unterstützung erhalten, ohne frühzeitig Kontrolle oder Beteiligungen abtreten zu müssen.
2. Vertrauen gewinnen: Der lange Weg durch einen konservativen Markt
Der Rechtsmarkt ist nach wie vor stark konservativ geprägt und orientiert sich an etablierten Verfahren und Strukturen. Für Gründer mit innovativen Ideen stellt dies häufig eine erhebliche Herausforderung dar, da sie zunächst das Vertrauen und die Akzeptanz potenzieller Kunden gewinnen müssen. Viele Juristinnen und Juristen begegnen neuen Technologien skeptisch, insbesondere aus Sorge um Datenschutz und die Haftung bei fehlerhaften Ergebnissen. Neue Produkte von Start-ups werden daher meist über längere Zeit beobachtet, bevor sie aktiv von juristischen Anwendern getestet werden.
Der Aufbau von Vertrauen kann entsprechend Zeit in Anspruch nehmen und gelingt oft leichter, wenn die richtigen Partner innerhalb der Zielgruppe gewonnen werden. So konnten beispielsweise LexMea durch Kooperationen mit Ministerien und Universitäten das Vertrauen ihrer Kunden Schritt für Schritt festigen. Noxtua hingegen setzt primär auf die Qualität ihrer juristischen Lösungen. Zusätzlich werden sie von renommierten Investoren wie C.H. Beck[6], CMS[7] und Dentons[8] unterstützt, um ihre Expansion in weitere Märkte zu fördern.
Für die Akzeptanz des Legal-AI-Workspace Beck-Noxtua ist dabei besonders die Verbindung von Bekanntem und Innovativem vorteilhaft: die juristischen Fachinhalte des etablierten Marktführers C.H. Beck kombiniert mit der leistungsstarken Rechts-KI des Berliner Start-ups. Letztlich hängen Vertrauen und Akzeptanz stark von den individuellen Anforderungen und Präferenzen der Nutzer ab. Gleichzeitig ist der Bedarf an technologischer Unterstützung in der Rechtsbranche mittlerweile so groß, dass die Bereitschaft, neue Ideen auszuprobieren, zunehmend wächst.
3. Fundament sichern: Wege zur passenden Startup-Finanzierung
Die Finanzierung ist ein zentraler Baustein und zugleich eine der größten Herausforderungen bei der Gründung eines Start-ups. Glücklicherweise existiert eine Vielzahl von Möglichkeiten, um zunächst ausreichend Startkapital zu sichern und die Umsetzung der Geschäftsidee zu ermöglichen. Ein naheliegender Ansatz ist die Eigenfinanzierung durch persönliche Ersparnisse oder laufende Einkünfte. Ist die Idee besonders vielversprechend, können auch finanzielle Mittel von Familie und Freunden als Grundlage dienen. So entschied sich beispielsweise das Unternehmen LexMea für die sogenannte „Bootstrapping-Methode“ und verzichtete zu Beginn vollständig auf externe Finanzierungsquellen.[9]
Für die Sicherstellung einer nachhaltigen und langfristigen Wachstumsstrategie ist jedoch der Rückgriff auf Fremdkapital oft unverzichtbar – insbesondere mit Blick auf die künftige Unternehmensentwicklung. Hier bieten sich verschiedene Optionen: von privaten Investoren und sogenannten „Business Angels“ bis hin zu institutionellen Kapitalgebern wie Venture-Capital-Fonds. Dieser Prozess erfordert jedoch häufig einen erheblichen Zeitaufwand und birgt unterschiedliche Chancen und Risiken, die je nach individuellen Gegebenheiten variieren.
IV. Erfolgsbeispiele/Fazit
„Am Ende ist man immer schlauer.“ Die Erfahrungen von LexMea und ehemals Xayn zeigen, dass es im Gründungsprozess wertvolle Einsichten gibt, die heute anders umgesetzt würden – Erkenntnisse, die insbesondere jungen Start-ups in der Anfangsphase als Orientierung dienen können.
Für Juristinnen und Juristen ist es entscheidend, eine rein risiko- und problemorientierte Denkweise abzulegen. Stattdessen sollte der Fokus auf der konsequenten Umsetzung der Geschäftsidee liegen, wobei es wichtig ist, mehrere Lösungsansätze zu prüfen. Regelmäßiges Feedback sowie der Austausch mit Wettbewerbern und anderen Gründer:innen ermöglichen, die ursprüngliche Idee weiterzuentwickeln und zu optimieren. Konkurrenz sollte daher nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance verstanden werden. Gleichzeitig trägt dieser Austausch dazu bei, ein wertvolles Netzwerk aufzubauen, das langfristig für Wachstum und Erfolg des Unternehmens von großer Bedeutung ist.
Ein zentraler Faktor ist zudem die Zusammensetzung eines motivierten und leistungsfähigen Teams. Diversität – sei es in Bezug auf Fachdisziplinen, Alter, Karriereerfahrung oder kulturellen Hintergrund – steigert die Produktivität, fördert die Zusammenarbeit und wirkt sich letztlich positiv auf den Erfolg des Start-ups aus.
Ein besonderer Dank gilt Clemens Hufeld sowie Michael und Tobias Strecker für ihre Unterstützung und die wertvollen Einblicke, die sie zu diesem Beitrag beigetragen haben!
Über die Autorinnen
Antonia Fütterer(antonia.fuetterer@ml-tech.org) ist ehrenamtlich als Research Writer bei MLTech tätig und studiert Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Lea Gruenwald (lea.gruenwald@ml-tech.org) ist ehrenamtlich als Research Writer bei MLTech tätig und studiert Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Über die Redakteure
Soo Ho Park (sooho.park@ml-tech.org) ist ehrenamtlich als Chief Editor bei MLTech tätig und studiert Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Luis Hettrich (luis.hettrich@ml-tech.org) ist ehrenamtlich als Vorstand bei MLTech tätig und studiert Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Allgemeine Anregungen oder Anfragen zum Blog gerne an: blog@ml-tech.org.
[1] https://lexmea.de/de/intro
[2] https://www.noxtua.com/de/
[3] https://www.flightright.de
[4] Hollenbeck, Produkt Market Fit: Der unterschätzte Knackpunkt für Gründer, pipedrive (https://www.pipedrive.com/de/blog/product-market-fit#)
[5] Hollenbeck, Produkt Market Fit: Der unterschätzte Knackpunkt für Gründer, pipedrive
[6] https://www.chbeck.de
[7] https://cms.law/de/deu/
[8] https://www.dentons.com/de/
[9] Herberg, Was bedeutet Bootstrapping im Startup Kontext, founders foundation, November 2021 (https://foundersfoundation.de/content-library/bootstrapping/)

